
Zumeist kommen die gutgemeinten Nachfragen und Ratschläge von den lieben Verwandten, Freunden und Nachbarn. «Ist es denn schon sauber, das Kleine?» Unverständlicherweise wird das frühzeitige Sauberwerden immer noch gern als erster Erziehungserfolg interpretiert – ein Grund, weshalb es vielen jungen Eltern ein bisschen peinlich ist, wenn diese Hürde noch nicht genommen wurde. Dabei helfen alle elterlichen Bemühungen nicht, wenn der kleine Körper und vor allem der Kopf noch nicht bereit sind für diesen Schritt. Ein weiterer Druckpunkt liegt in der Massgabe vieler Betreuungseinrichtungen, dass ein Kind zur Aufnahme windelfrei zu sein hat.
Hinzu kommen aber auch oft rein praktikable Gründe – wenn die Mama eventuell ein zweites Kind erwartet, will sie das erste oft einfach «aus den Windeln raus» haben, um ihren Arbeitsaufwand zu minimieren. Daneben hört man ja immer wieder von diesen Wunderkindern, die bereits mit einem Jahr die Windelära abgeschlossen haben – da fragt man sich zwangsläufig, ob mit dem eigenen Nachwuchs oder der Erziehung etwas nicht stimmt. Und dennoch – jedes Kind entscheidet selbst, wann es soweit ist. Unterstützung, Trost und Zuspruch schaden sicher nicht – forcieren lässt sich in dieser Angelegenheit kaum etwas.
Kein Kind will seine Eltern ärgern, wenn es sich einfach nicht fürs Töpfchen interessiert. Massgeblich für die persönliche Entwicklung in diese Richtung sind nun einmal eine bewusste Blasen- und Darmkontrolle sowie die Fähigkeit, die entsprechenden Körpersignale zu erkennen und umzusetzen. Im Sommer fällt es leicht, die Windelhosen im Freien einfach wegzulassen und den Kleinen so die Chance zu geben, ihre eigenen Körperreaktionen tatsächlich wahrzunehmen. Sobald der Nachwuchs sich dafür interessiert, was die Grossen denn da eigentlich machen im Bad, kann man die Gelegenheit nutzen und sich gemeinsam auf die grossen und kleinen Geschäfte konzentrieren – auch wenn die eigene Privatsphäre vorübergehend darunter leidet. Spätestens wenn eindeutige Meldungen über eine frisch gefüllte Windel gemacht werden, ist es Zeit, das Töpfchen ins Spiel zu bringen.
Es gibt sie in den phantasievollsten Ausführungen, mit Musik und Applaus – wobei fraglich ist wie weit man die persönliche Sauberkeit mit Entertainment kombinieren möchte. Viele Kinder fürchten sich vor den grossen Toiletten, auch wenn ein verkleinernder Sitz darauf angebracht ist. Sie schätzen es eher, wenn ihr «Örtchen» für sie schnell und ohne Fussbank zu erreichen ist. Wer sein Kind gut beobachtet kennt dessen individuellen Rhythmus und kann es zur passenden Zeit dorthin begleiten. «Komm, wir gehen mal probieren..» klingt dabei natürlich viel einladender als «Du musst doch – jetzt aber schnell…» Druck und Zwang gehören nicht in diese Situation, ebenso wenig wie allzu überschwängliches Lob oder gar materielle Belohnungen, die der Sache an sich die Selbstverständlichkeit nehmen.
Oft dauert es eine ganze Weile, bis sich nach vielen vergeblichen Sitzungen endlich Erfolge zeigen. Für die Kinder ist dies eine ganz besondere Erfahrung, daher sollte man nicht einfach so darüber hinweggehen. Liebevolles Lob und eine angemessene «Würdigung» der Bemühungen - keinesfalls eine kommentarlose Entsorgung - sorgen dafür, dass der Nachwuchs den Vorgang besser versteht, sich daran erinnern kann und auch stolz auf seine Leistung ist. Geht’s danach dann doch wieder schief, darf man nicht schimpfen, sondern sollte eher trösten und darauf verweisen, dass es ja schon mal funktioniert hat und es beim nächsten Mal bestimmt wieder klappt.
Text: Claudia Eichhorn