
Wächst neues Leben im Mutterleib heran, geraten die Hormone, die für verschiedenste Verhaltensweisen und Körperfunktionen zuständig sind, durcheinander. Sie werden entweder überproduziert oder es mangelt an ihnen. Körperlich macht sich das durch Müdigkeit, Schlafprobleme, ungewöhnliche Heisshungerattacken, Übelkeit und/oder Erbrechen bemerkbar. Weil die Hormone wichtige Botenstoffe des Nervensystems sind, werden aber auch psychische Symptomen hervorgerufen:
Starke Konzentrationsschwäche, Stimmungsschwankungen, Lustlosigkeit, unendliche Traurigkeit, extreme Gereiztheit oder Ängste.
Die hormonellen Ursachen werden zusätzlich noch von äusseren Einflüssen verstärkt. Viele Frauen fühlen sich mit den Veränderungen des eigenen Körpers nicht mehr attraktiv und somit unwohl. Sie haben Angst, dass sich das Gewebe nur teilweise oder gar nicht zurückbildet. Leistungsdruck in der Arbeit, der Umbau für das Kinderzimmer, oder etwa ein Umzug oder Hausbau bedeuten überdurchschnittlichen Stress. Schwangerschaftsprobleme wie eine andauernde Übelkeit oder die Verzögerung des Geburtstermins können Schwangere aus dem Gleichgewicht bringen und in einer tiefen Depression enden. Erschwerend kommen auch eventuelle Vergangenheitsbewältigungen hinzu. Frauen, die schon eine Fehlgeburt hatten, ragieren meist besonders sensibel auf körperliche Veränderungen und neigen zu sehr intensiven Gefühlsausbrüchen, wenn es um die Angst um das Kind geht. Auch Zukunftsängste, beispielsweise in Bezug auf die Partnerschaft, lassen Frauen, trotz guter Hoffnung, schier verzweifeln.
Während der Organbildung des Kindes, also in den ersten drei Schwangerschaftsmonaten, können die Symptome besonders häufig und intensiv auftreten und sind durchaus normal. Das erste und wirksamste Mittel um den Ausbruch einer Depression zu verhindern ist Ehrlichkeit – sich selbst und seinem engeren Umfeld gegenüber. Viele Betroffene beladen sich gerade in dieser ersten Zeit mit zu viel Dingen, die sie unmöglich schaffen können. Deshalb sollten keine eng gestrickten Pläne gemacht werden, die man alle noch vor den Einschränkungen der Schwangerschaft umsetzen will. Zusätzlich helfen offene und ehrliche Gespräche mit guten Freunden, nahen Verwandten und vor allem mit dem Partner über Ängste und Nöte, aber auch freudige Empfindungen. Besonders wichtig ist auch, dass schwangere Frauen an sich denken und viel für sich tun. Spaziergänge, Wellnesstage oder entspannende Hobbys sind Balsam für die Seele.
Wenn wirklich nichts zu helfen scheint, und die Symptome länger als ein paar Tage dauern, ist es ratsam einen Facharzt aufzusuchen. Er kann die Betroffene beraten und notfalls Antidepressiva verschreiben, die für das Kind im Mutterleib völlig unbedenklich sind. Übrigens: Frauen, die vorher schon an einer medikamentösen Therapie teilnahmen, sollten diese in Rücksprache mit dem behandelnden Arzt unbedingt weiterführen.
Ob und wie stark die Schwangerschaftsdepression bei der Einzelnen in Erscheinung tritt, ist in den meisten Fällen nicht vorherzusagen. Dennoch kann man sie mit einem Prozentsatz unter 10 nicht als Massenphänomen bezeichnen. Wichtig ist, dass Betroffene die Situation ernst nehmen. In einem verständnisvollen Umfeld lassen sich die meisten Probleme gemeinsam lösen. Hilfe zu suchen, ist keinesfalls ein Zeichen von Schwäche, sondern beiweisst Verantwortungsgefühl gegenüber dem neuen Erdenbürger. Übrigens: Wer eine Depression während der Schwangerschaft abwendet, verhindert zumeist auch die postnatale Depression – den «Baby Blues».
Text: Carsten von Bora