
Magersucht ist eine sehr ernstzunehmende Essstörung. Im Alltagsgeschehen bleiben viele Kleinigkeiten oft unbemerkt, aber bei den ersten Verdachtsmomenten ist erhöhte Aufmerksamkeit angebracht. Trinkt mein Kind Unmengen von Wasser, um dem so gefüllten Magen Sättigung vorzugaukeln? Sollen schlabbrige Kleidungsstücke im Lagenlook einen rapiden Gewichtsverlust verbergen? Wird exzessiv Sport getrieben und übertrieben lang geduscht? Haben sich Charakterzüge verändert? Wie soll man reagieren, wenn sich der Verdacht auf Magersucht bestätigt?
Eltern sollten auf keinen Fall schweigen. Doch bevor man sein Kind auf eine vermutete Magersucht hin anspricht, muss man sich klar machen, dass es hier nicht nur um Essen und Gewicht geht. In den meisten Fällen liegen die Ursachen für die Erkrankung wesentlich tiefer, und die Fixierung auf den augenscheinlichen Gewichtsverlust ist nur ein Ventil dafür. Unüberlegte Äusserungen wie «Du siehst ja furchtbar aus!» stürzen Magersüchtige nur noch tiefer ihr körperliches Dilemma.
Ebenso unangebracht sind Schuldzuweisungen «Warum tust Du uns das an?» oder «Reiss Dich mal zusammen und iss wie ein normaler Mensch!» vertiefen nur das Gefühl, nicht verstanden zu werden. Bestenfalls spricht man die Themen «Essen» und «Gewicht» gar nicht an. Je grosszügiger diese Bereiche verbal umschifft werden, umso grösser ist die Chance, Zugang zu finden. Stets sollte man der oder dem Betroffenen vermitteln, dass man ihn schätzt, gern hat und für ihn da ist. Es ist vollkommen unangebracht, das Essen zu erzwingen oder Sanktionen auszusprechen – Mahlzeiten sind keine Schlachten, die es zu gewinnen gilt. Auch Vorwürfe oder pseudotherapeutische Äusserungen helfen nicht weiter. Die Bereitschaft, zuzuhören und Geduld stellen eine gute Basis dar, um sich dem eigentlichen Problem zu nähern.
Wenn jemand erstmals auf seine Magersucht angesprochen wird, folgen in der Regel zunächst Unmut und Dementis. Hier sollte man nicht weiter auf ein Gespräch drängen, sondern einfach das Thema wechseln. Entscheidend ist, die eigene Gesprächsbereitschaft deutlich zu signalisieren, so dass dem Kind klar ist: Es kann sich jederzeit öffnen und stösst dabei auf Verständnis.
Für Eltern bedeutet es eine unbeschreibliche Qual, hilflos mit anzusehen, wie das eigene Kind sich zerstört. Angst, Verwirrung, ein schlechtes Gewissen und Hilflosigkeit gewinnen schnell die Oberhand. Wer sich nicht in der Lage fühlt, mit der Situation umzugehen, braucht Hilfe von aussen. Bei Kinder- und Jugendärzten, in seelsorgerischen oder familienorientierten Anlaufstellen ist man auf solche Fälle vorbereitet, verzweifelte Eltern erhalten hier Hilfe und Ratschläge für die Bewältigung und Behandlungsmöglichkeiten. Aber auch den Betroffenen wird hier geholfen. Voraussetzung dafür ist natürlich die Einsicht, tatsächlich Hilfe zu benötigen. Einzig davon hängt der Genesungserfolg ab. Wenn sich das Kind bereits in einem lebensgefährlichen Zustand befindet, kann darauf allerdings keine Rücksicht genommen werden. Eine direkte Einweisung ist dann unumgänglich, keinesfalls sollte man hier zögern.
Ärztliche und therapeutische Ansätze können nur zum Erfolg führen, wenn tatsächlich alle Familienmitglieder «an einem Strang ziehen». Über eine oft lange Zeit müssen Ernährungsberatung, Individual-, vielleicht auch Familientherapie und medizinische Versorgung durchgehalten werden. Die besten Voraussetzungen sind hier das Gefühl uneingeschränkten Rückhalts und die Bereitschaft, Hilfe anzunehmen – auch bei den Angehörigen.
Text: Claudia Eichhorn