
Das Mysterium Pubertät ist an sich nichts anderes als ein Reifeprozess. Die körperlichen Veränderungen sind unübersehbar, doch viele Eltern verdrängen, dass sich eben auch das «Innenleben» ihres Kindes wandelt. Und die eigentlich Betroffenen – nämlich die Teenager – haben damit vollauf zu tun, Missverständnisse sind in dieser Zeit daher nahezu unvermeidbar. Unglücklicherweise vergisst man im Erwachsenenalter schnell die eigenen Erfahrungen aus dieser Phase und steht nun fassungslos vor dieser fremden Person, die doch bis vor kurzem noch das eigene Kind war.
Die Türen knallen, die Fetzen fliegen, die Tränen fliessen… und warum das Ganze? Streit um die Kleiderordnung, Tagesabläufe, Haushaltspflichten oder Ausgeh-Gewohnheiten häufen sich und werden immer öfter zum Kleinkrieg. Dabei meinen die Eltern es doch nur gut, wollen Sicherheit, Stabilität und Schutz für den Nachwuchs. Der hingegen fühlt sich gegängelt, bevormundet und kann gar nicht anders als zu trotzen. Vernünftige Gespräche sind nur bedingt möglich, da die empfindliche Teenagerseele sich eben sehr schnell eingeengt und beschnitten fühlt.
Verschlossene Türen, eifersüchtig gehütete Tagebücher, passwortgeschützte Computerdateien – neuerdings wird alles in Sachen Privatsphäre zur Verschlusssache. Plötzlich gibt es ganz neue Freunde, überraschende Hobbies und Fragen werden immer wieder mit ausgedehntem Schweigen beantwortet. Für Eltern ist dies eine sehr schmerzliche Erfahrung, sie fühlen sich ausgeschlossen – und können nur schlecht damit umgehen. Dabei zelebriert der Nachwuchs nur sein neuentdecktes Eigenleben und will dabei eben nicht gestört werden – es handelt sich um keinen persönlichen Rachefeldzug.
Der vielleicht tröstlichste Aspekt der ganzen Angelegenheit: Es ist nicht von Dauer, jede Pubertät geht irgendwann vorbei. Natürlich haben Eltern Ängste und Sorgen, wenn der Nachwuchs flügge wird. Aber ohne Zugeständnisse wird es in Zukunft nicht funktionieren, das Familienleben. Ob es den Erzeugern passt oder nicht – Kinder machen ihre eigenen Erfahrungen und müssen irgendwann auch lernen, dass sie für ihr Tun und die Konsequenzen selbst verantwortlich sind. Loslassen, die schützende Hand stückweise zurückzuziehen kostet viel Kraft – und manchmal hilft es tatsächlich, darüber ganz offen zu sprechen mit den jungen Menschen, die man eigentlich ein Leben lang behüten will. In dieser Zeit ist es wichtig, seinem Kind zu signalisieren: Ich akzeptiere Dich so wie Du bist, aber ich bin nicht für Deine Handlungen verantwortlich. Freiräume in gesunden Massen, Zuhören ohne sich aufzudrängen, sich gegenseitig ernstnehmen – hier liegen bewährte Ansatzpunkte.
Schnell kocht eine kleine Auseinandersetzung hoch, brodeln die Gefühle. Jetzt nur nicht die Nerven verlieren oder alles persönlich nehmen – solche Machtspiele kann keiner gewinnen. Manchmal reicht es, das Zimmer zu verlassen, eine Auszeit von einander zu nehmen. Niemals sollte es zu willkürlichen Sanktionen oder gar Handgreiflichkeiten kommen, denn dann verhärten sich die Fronten unweigerlich. Ruhe bewahren ist die oberste Maxime.
Texte: Claudia Eichhorn