Was tun, wenn Kinder ihre Eltern schlagen?lesenswert!

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Was tun, wenn Kinder ihre Eltern schlagen?

Gewalt in der Familie ist seit jeher ein Thema, über das man schweigt. Dies gilt vor allem dann, wenn man selbst betroffen ist. Kommen dennoch Fälle an das Tageslicht, sind es meist prügelnde Familienväter, die ihren Aggressionen sowohl psychisch, als auch körperlich in der Familie Luft machen. Der Prozentsatz an Ehefrauen, beziehungsweise Müttern, die Gewalt an Familienmitgliedern ausüben ist dagegen eher gering. Weitestgehend unbekannt ist allerdings jene Tätergruppe, an die man zuallerletzt denkt: Kinder.

Totgeschwiegen und tabuisiert

Wenn Kinder ihren Eltern Gewalt androhen oder gar zufügen, ist das für Betroffene peinlich. Darüber gesprochen wird, vor allem von Müttern, in den seltensten Fällen. Die Scham über die Tatsache, dass in der Erziehung augenscheinlich etwas falsch lief, ist zu gross. Die Zeiten, in denen zu Eltern noch mit Achtung und Respekt aufgesehen wurde, scheinen vorbei zu sein oder aber sich grundlegend geändert zu haben. Dazu trugen massgeblich die Diskussionen der ausgehenden 1960er Jahre über das Für und Wider der elterlichen Autorität bei. Das Ergebnis: Eltern scheuen sich heute, von Anfang an Grenzen sowie Regeln zu setzen und diese auch einzuhalten. Viel zu gross ist die unbegründete Angst, das Kind zu «verlieren» oder als «uncool» oder «altmodisch» zu gelten.

Anfänge der Gewalt

Wird ein Kind aggressiv, neigt man schnell dazu, sein Verhalten mit dem Konsum von Kampfspielen am PC, gewaltverherrlichenden Filmen im TV oder auch dem «falschen Umgang» erklären zu wollen. Die Ursachen liegen jedoch tatsächlich in der eigenen Erziehung des Kindes. Wer hier immer darauf geachtet hat, sein Kind ohne strenge Grenzen aufwachsen zu lassen, darf sich letztlich nicht wundern, dass sich der Heranwachsende auch über die letzte Hemmschwelle, der Gewalt gegenüber den Eltern, hinwegsetzt. Die Aggression des Kindes muss sich übrigens nicht erst in körperlichen Angriffen zeigen. Die Vorläufer von tätlichen Angriffen nehmen Eltern als solche meist nicht wahr. Dazu gehört zum Beispiel der allzu sorglose Gebrauch von Schimpfworten gegenüber den eigenen Eltern. Hier muss man allerdings differenzieren. Während Kleinkinder die «bösen Worte» tatsächlich nur aufschnappen und einsetzen, um Grenzen auszuloten, werden sie von Teenagern gezielt eingesetzt, um Eltern emotional aus der Fassung zu bringen. Auch das ist eine Form der Gewalt: Psychoterror.

1. Hilfe: Konstruktive Hierarchie

Eltern, deren Kind Schritt für Schritt unsensibler ihnen gegenüber wird, müssen durchgreifen. Bei diesem Durchgreifen geht es aber nicht um das Bestrafen. Es geht darum Präsenz zu zeigen und sich am Leben des Kindes zu interessieren. Schrittweise müssen Erziehende Regeln und Konsequenzen ganz klar definieren. Wichtig hierbei ist, dass diese Regeln erstens für alle Familienmitglieder gelten und zweitens standhaft vertreten werden. Das macht bereits kleinen Kindern klar, dass es eine (gewaltfreie!) Hierarchie in der Familie gibt. Dabei muss man keine Angst haben, dass der Nachwuchs darunter leidet. Eltern, die Grenzen setzen, schaffen ihren Kindern ein sicheres Areal, in dem sie sich bewegen können. Dabei dürfen mässige Ausnahmen diese Regeln und Konsequenzen bekräftigen. Jedoch sei angemerkt, dass ein «Nein» auch ein solches bleiben sollte, wenn es einmal ausformuliert wurde.

Wichtig: Hilfe von «Aussen» in Anspruch nehmen

Sollten Eltern die Einsicht gewinnen, dass das Familienleben durch die Aggressivität des Kindes kurz vor dem Kollaps steht, also das eigene Einschreiten nicht mehr möglich ist, ist es in jedem Fall ratsam, fachkundige Hilfe in Anspruch zu nehmen. Diese wird unter anderem von den örtlichen Jugendämtern, Kinder- und Jugendpsychologen sowie gemeinnützigen Einrichtungen angeboten. Die Situation aus Scham zu ertragen oder totzuschweigen ist der falsche Weg. In ganz akuten Fällen, wenn körperlich überlegene Teenager beispielsweise auf ihre Eltern losgehen, und kein Ausweg mehr bleibt, sollten Eltern die Hilfe der die Polizei nicht scheuen. Auch wenn der Griff zum Telefon viel Mut erfordert. Die geschulten Einsatzkräfte können den Familien mit Rat und Tat zur Seite stehen und betroffenen Eltern bestätigen – dass sie mit ihrem Problem nicht allein sind!

Text: Carsten von Bora