
Der schrittweise Atomausstieg erfordert einen gesellschaftlichen Paradigmenwechsel und eine neue Energiepolitik. Ziel ist es, die gesamte Endenergienachfrage bis 2050 erheblich zu reduzieren. Ausgehend vom Energieverbrauch der Schweiz gehen wir der Frage nach, was passieren muss, um dieses Ziel zu erreichen.
Von Gergina Hristova
Ende Mai 2011 hat der Bundesrat den Atomausstieg der Schweiz auf Raten beschlossen. Daraufhin hat die Umwelt-, Raumplanungs- und Energiekommission des Ständerats (UREK) Ende August 2011 den vom Bundesrat beschlossenen Atomausstieg abgebremst. Atomkraftwerke der heutigen Generation sollen zwar gemäss der Energiekommission verboten werden. Zugleich jedoch lässt die UREK eine Hintertür für neue Atomkraftwerke offen: Falls neue Technologien zur Verfügung stehen, sollen neue, sichere Kernkraftwerke zugelassen werden können.
Dabei zeigt eine Studie der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) Zürich, dass ein Atomausstieg sowohl in technischer als auch in wirtschaftlicher Hinsicht möglich ist. Die wirtschaftliche Entwicklung würde gemäss Prognosen der ETH zwar etwas verlangsamt werden. Trotzdem rechnen die Forscher mit positiven Wachstumsraten.

Das heutige Stromsystem der Schweiz, welches fast 24 Prozent des Gesamtenergieverbrauchs der Schweiz ausmacht, speist sich zu 56 Prozent aus Wasserkraft, zu 39 Prozent aus Kernkraft, zu vier Prozent aus thermischer Energie und zu einem Prozent aus erneuerbarer Energie.
Die Aufteilung des Endverbrauchs nach Energieträger im Jahr 2010 fällt dabei wie folgt aus:
Der Gesamtenergieverbrauch der Schweiz ist im Jahr 2010 gegenüber dem Vorjahr um 4,4 Prozent auf den neuen Rekordwert von 911'550 Terajoule gestiegen. Wichtigste Gründe waren die deutlich kältere Witterung, die positive Wirtschaftsentwicklung sowie das anhaltende Bevölkerungswachstum.
Ausgehend von der gegenwärtigen Lage nimmt der Bundesrat im Rahmen einer Wenn-Dann-Analyse an, dass mit der Weiterführung der bisherigen Energiepolitik der Stromverbrauch trotz immer effizienteren Geräten und Anwendungen bis 2050 weiter ansteigen wird. Dies aufgrund des stetigen Bevölkerungswachstums (rund 9 Millionen Menschen sollen im Jahr 2050 in der Schweiz wohnen), Zweitgeräten und -fahrzeugen sowie neuen Geräten und Anwendungen. Bis 2050 soll die Elektrifizierung des Verkehrs stark zunehmen. Der Landesverbrauch inklusive der Energie für heute bestehende Pumpspeicherkraftwerke soll bis 2050 auf 86,3 Milliarden Kilowattstunden steigen. Der Bau neuer Pumpspeicherkraftwerke ab 2015 soll zu einer weiteren Erhöhung des Landesverbrauchs bis 2050 auf 91,9 Milliarden Kilowattstunden führen.
In Anbetracht dieser Perspektiven stellt sich die Frage, wie der wachsende Energiebedarf der Schweiz bei schrittweisem Atomausstieg gedeckt werden soll. Die Antwort des Bundesrats: mit einer neuen Energiepolitik. Diese stützt sich auf die Einhaltung der globalen Klimaziele und dem Konzept der 2000-Watt-Gesellschaft oder der 1-Tonne-CO2-pro-Kopf-Gesellschaft. Ein energiepolitischer und gesellschaftlicher Paradigmenwechsel soll zu einer Absenkung der Stromnachfrage auf 61,86 Milliarden Kilowattstunden bis 2050 führen. Dabei sollen vor allem die Wasserkraft, neue erneuerbare Energien, Wärmekopplungsanlagen (WKK) und Gaskombikraftwerke die stufenweise wegfallende Produktion der Kernkraftwerke ersetzen.
Insgesamt bleibt mit dem etappenweisen Ausstieg genügend Zeit, um das bestehende Energiesystem umzubauen. Allerdings ist die Energiestrategie der Schweiz neu auszurichten, was eine immense Herausforderung darstellt. Die Abhängigkeit von Stromimporten bleibt bestehen, während ein rascher Um- und Neubau der Übertragungsnetze sowie ein Umbau der Verteilnetze rasch vollzogen werden muss, um eine optimale Anbindung an das europäische Netz sicherzustellen.