
Hürde Nr. 1 – wir einigen uns auf ein Reiseziel. Im besten Fall kein Problem, weil man eben eine Leidenschaft wie Geschichte, Kunst, Wasser- oder Wintersport teilt. Zieht es den einen an die See, den anderen jedoch in die Berge, wird hier der erste Kompromiss erforderlich. Manchmal kann man ein Ziel besonders gut mit der aktuellen Jahreszeit kombinieren – als zusätzliches Pro-Argument. Ansonsten hat sich ein regelmässiger Wechsel – den jeweiligen Vorlieben entsprechend - bewährt. Im ersten Jahr Skandinavien, im zweiten Jahr Mittelmeer und dann wieder von vorn – diese Taktik sorgt zumindest für ein ausgewogenes Gefühl. Ganz heftige Abneigungen sollten jedoch unbedingt akzeptiert werden. Wer z.B. mit dem Mittelmeerklima tatsächlich gesundheitliche Probleme bekommt, darf ein solches Opfer gern verweigern. Die Lösung glückt immer dann, wenn sich am Urlaubsort tatsächlich etwas findet, das auch einen Skeptiker begeistert. Ein schönes Freizeitbad hilft sicher, das geliebte Meer nicht ganz so arg zu vermissen.
Sind die Koffer und Taschen erst einmal ausgepackt, lauert schon die nächste Urlaubsfalle. Eine gemeinsame Orts- oder Anlagenbegehung lässt sich ja noch ertragen, aber während der eine am liebsten sofort und unentwegt die schöne Umgebung erkunden will, zieht es den anderen magisch zur Poolanlage. Und nun? Je mehr Freiraum die Partner sich an dieser Stelle einräumen, um so geringer die Frustrationsquote.
Es soll ja tatsächlich Paare geben, die vom ersten bis zum letzten Tag konsequent nur ihre eigenen Interessen verfolgen, sich lediglich zu den Mahlzeiten – wenn überhaupt – treffen und dabei absolut glücklich sind. Inwiefern man unter diesen Umständen noch gemeinsame Urlaube buchen sollte, sei einmal dahingestellt, aber der Ansatz ist nicht schlecht. Ein bisschen muss man sich ja auch vom Miteinander erholen – so kann man sich mal ein wenig vermissen und aufeinander freuen. Der Gesprächsstoff geht nach getrennten Stunden sicher nicht aus. Optimalerweise verbringt man aber eben nur einen Teil des Tages getrennt, und vielleicht gelingt es ja der Wanderfanatikerin den Sonnenliegen-Geniesser mit einem mitreissenden Bericht zu einem Ausflug zu motivieren.
Es gibt keinen Leitfaden für den perfekten Urlaub, und diesen Anspruch sollte man weder an sich noch an das Reisziel und deren Verlauf richten. Es ist legal, im Urlaub verschiedener Meinung zu sein, schlechte Laune zu haben und sich aus dem Weg zu gehen – zumindest für kurze Zeit. Im Alltagsleben ist es schliesslich auch nicht anders. Normalerweise kennt man die Macken und Vorlieben des anderen – und gerade im Urlaub sollte man sowieso alles etwas entspannter betrachten. Jetzt ist nicht die Zeit, sich gegenseitig umzuerziehen oder zu verbiegen. Gerade das zu tun, was man mag – ob gemeinsam oder getrennt – ist der ganz grosse Luxus im Urlaub. Wer sich und seinem Partner diesen einfach ohne Eifersucht, Egotrip und Besitzansprüche gönnt, wird jeden Urlaub glücklich überstehen.
Text: Claudia Eichhorn