
Es soll ja Familien geben, die immer gut miteinander auskommen und sich stets vertragen. Bedenkt man aber, wieviel Konfliktpotential im Zusammentreffen verschiedener Charaktere steckt, scheint die Mär von der ungetrübten Harmonie doch sehr verklärt. Dennoch gibt es junge Paare, die mit Absicht und gern unter dem Dach der Eltern bzw. Schwiegereltern leben wollen. Wenn ein hohes Mass an gegenseitigem Respekt, Toleranz und vor allem genügend Platz für ausreichend Privatsphäre herrschen, kann das Konzept aufgehen. Man unterstützt sich ohne aufdringliche Einmischung, jeder lebt dennoch sein eigenes Familienleben, Konflikte werden klar und sachlich ausgetragen – ja, so könnte es funktionieren. Allerdings nur, wenn alle sehr an sich arbeiten und aufeinander eingehen. Eine stimmige «Grundchemie» zwischen den Parteien schadet ebenfalls nicht.
Nur, bis das eigene Haus steht, nur, bis die finanzielle Situation sich gebessert hat – wenn Not am Mann ist, greift man eben gezwungenermassen auf das grosszügige Angebot zurück. Sofern die Älteren den Jüngeren vorübergehend Unterschlupf gewähren, brodelt es oft kräftig unter der Oberfläche. Die einen meinen es nur gut und wollen helfen – um jeden Preis! Die anderen fühlen sich zu Dank verpflichtet, wagen nicht zu widersprechen und hoffen auf ein baldiges Ende. Gerade zwischen den Frauen entbrennen oft regelrechte Machtkämpfe – kann «Mutti» die Angetraute des Sohnes nun endlich unter die Lupe nehmen. Die Jüngere merkt wohl, dass sie auf dem Prüfstand steht und schluckt wohl eher allen Ärger tapfer herunter, als später als Verursacherin eines Streites dazustehen. Und die Männer? Sie halten sich zumeist still aus allem heraus.
Bevor man sich auf das familiäre Miteinander einlässt, meint man sich recht gut zu kennen. Muss man sich jedoch täglich über die Nutzung des gemeinsamen Waschkellers, Wasserverbrauch und Vergleichbares einigen, lernt man sich erst richtig kennen. Oft spielt es gar keine Rolle, ob Alt und Jung in separaten Wohnungen eines Hauses leben oder eine Partei vielleicht nur ein bis zwei Zimmer nutzt – Regeln müssen befolgt werden. Doch wessen denn? Es geht wohl nicht ums Unterordnen, sondern ums gegenseitige Arrangieren. Und das muss möglich sein, auch wenn «ihre» Mutter den Schwiegersohn für eine Memme hält, «seine» Mama alles besser weiss und die Schwiegertochter schlicht für untauglich hält, die Männer sich verbünden oder die Frauen sich das Bevormunden ihrer Partner teilen. Man muss sich ja gar nicht ununterbrochen mögen, sondern «nur» miteinander auskommen.
Die lieben Kleinen finden es natürlich toll, wenn stets Oma und Opa erreichbar sind. Doch weder wollen sich die Grosseltern als Dauerbetreuung ausgenutzt fühlen, noch müssen sich Eltern ständig für ihren Erziehungsstil rechtfertigen. Grosseltern haben den Spass, Eltern die Verantwortung. Daher stellen sie hier die Regeln auf.
Gerade wenn nur die Schwiegertochter oder der Schwiegersohn «dazuziehen», betrachten die Damen des Hauses dieses oft als ihr alleiniges Hoheitsgebiet und verstehen nicht, warum sie plötzlich nicht mehr für Sohnes Wäsche, Versorgung oder Ordnung zuständig sein sollen. Wenn es also darum geht, neue Regeln aufzustellen oder Tabuzonen abzustecken, müssen die jungen Leute unbedingt zusammenhalten und sich den Rücken stärken – so entsteht erst gar keine Angriffsfläche.
Text: Claudia Eichhorn