
Hochzeitsreise steht als modernes westliches Liebesritual, in dessen Zentrum die Zweisamkeit, Romantik, sowie der Konsum von Luxusgütern stehen. Sie ist der Abschluss und Höhepunkt vom Hochzeitsfest und gilt als Auftakt in eine neue Lebensphase als Paar. Doch die Flitterwochen sind eigentlich ein Relikt aus Zeiten, da die meisten Liebenden erst nach der Hochzeit eine gemeinsame längere Reise unternehmen und so das künftige Zusammenleben proben konnten. Der ursprünglichste Zweck von Flitterwochen war denn auch die Entjungferung. Heute wohnen viele Liebende schon vor der Hochzeit zusammen. Bis zum grossen Tag haben sie bereits die halbe Welt umreist und längst nicht nur Gedanken und Romantik, sondern auch Sex geteilt.
Flitterwochen sind zwar Urlaub – immerhin kann sich das Brautpaar nun auch endlich von den Strapazen, die es rund um die Hochzeit gab, ausruhen – aber auch eine ganz besondere Form von Zweisamkeit. Das Ziel der Flitterwochen wird daher sehr bedächtig ausgewählt. Einmalig wie Flitterwochen sind – oder zumindest sein sollten – darf dann auch das Reiseziel selbst sein. Statt dem Pauschalurlaub gibt es Individualreisen zu den entferntesten und schönsten Plätzen der Welt. Vielleicht führt die Reise das junge Paar regelrecht in die Einsamkeit, damit beide Stunden und Tage in trauter Zweisamkeit verbringen und ihr Glück wahrlich geniessen können. Orte, die besonders wegen ihres romantischen Flairs geschätzt werden, sind bei Flitterwochen natürlich hoch im Kurs. Während der Flitterwochen kann es eigentlich gar nicht genug romantische Momente und Orte geben.
So schön der Gedanke an die Flitterwochen auch ist, sie kann durchaus Gefahren für das friedliche Miteinander bergen. Risikoreich wird eine Reise immer dann, wenn sie schon im Vorfeld bis ins kleinste Detail geplant und durchstrukturiert ist. Schnell wird es zumindest einem Partner zu viel oder zu stressig. Vielleicht lassen sich vor Ort gar nicht all die geplanten Unternehmungen durchführen, erste Konflikte können die Folge sein. Wer seine Flitterwochen möglichst harmonisch verbringen möchte, sollte sich eigentlich gar nicht zu sehr mit der Planung beschäftigen.
Freilich muss eine Reise gebucht und Rahmenbedingungen erledigt werden. Wie sich aber das Flitterwochenleben am Reiseziel letztlich gestaltet, sollte man eher spontan entscheiden. Warum sich einen Kulturmarathon antun, wenn beiden die Lust eher nach einem Tag zu zweit in Ruhe und Abgeschiedenheit steht? Spontane Unternehmungen und Zwanglosigkeit garantieren am ehesten Flitterwochen und Ferien ohne Streit und Konfliktsituationen. Letztlich soll das Paar glücklich und entspannt von ihrer Reise zurückkommen.
Die Flitterwochen sollen natürlich neben der Hochzeit möglichst die schönsten Tage des Lebens werden. Daher sind junge Paare schnell dabei, eine solche Reise zu planen und zu strukturieren. Vielfach lässt es sich jedoch viel besser «flittern», wenn man nur die Rahmenbedingungen absteckt und die Erwartungen somit nicht viel zu hoch sind. Wer als frischgebackenes Ehepaar aufbricht, möchte auch als glückliches Paar zurückkehren. Paare, die in ihren Flitterwochen nur das tun, wonach ihnen gerade der Sinn steht, haben die besten Chancen darauf.
Text: Daniel D. Eppe
Buchtipp: Urs Keller, Wenn die Liebe auf Reisen geht