Willst du mein Freund sein?lesenswert!

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Willst du mein Freund sein?

Irgendwie bin ich in die Sache reingeschlittert. Sie kennen das? Etwas oder jemand macht den Anstoss, der Rest geschieht von selbst. Zu guter Letzt weiss keiner mehr so genau wieso, weshalb und warum. Genau so war das auch bei mir.
Die Anfrage kam von meiner Nachbarin. Ich will ihr keine üble Absicht unterstellen, sie hat mich halt eingeladen, wie man das heute so macht. Ich habe mir nicht viel dabei gedacht. Ich tat den ersten Schritt, daran kann ich mich noch gut erinnern. Aber welche Auswirkungen dieser Klick haben würde, wusste ich damals noch nicht.
Ich wusste, dass viele Menschen mitmachen und sich ihr Leben kaum mehr ohne diese Möglichkeit vorstellen können. Mir fehlte bisher die Lust dazu, auch ohne das Ganze erschien mir mein Leben ausgefüllt, was wollte ich mehr. Aber nun hat mich der Zeitgeist doch noch eingeholt und; Aber leider versteh’ ich nur Bahnhof! Entschuldigen Sie, aber wie funktioniert Facebook eigentlich??
Früher war das Kennenlernen und sich Anfreunden so einfach.
Willst du mein Freund sein?   Ja ☐   Nein ☐   Vielleicht ☐
Bitte ankreuzen, keine Mehrfachnennung erwünscht, danke!
Voilà, das war’s, bzw. so fings an. Später kam das Kennenlernen, das sich besser Kennenlernen, irgendwann entstanden daraus Freundschaften. Das Ganze war nicht ganz so effizient aber dementsprechend überschaubar.
Heute komme ich zu Facebook und habe zwei Freunde (schon recht peinlich), die ich auch im real life kenne, regelmässig sehe und auch mag. Wie ich die Beiden aber genau online kennen gelernt habe, entzieht sich meiner Kenntnis – Ehrlich! Ich habe den Verdacht, Facebook schanzt mir irgendwelche Freunschaften zu und ich habe nur noch zu nicken, äh klicken.
Haben meine zwei Freunde mich, oder ich sie ausgewählt? Warum wissen die überhaupt, dass ich auf Facebook bin? Und, warum weiss Facebook wen ich allenfalls sonst noch kennen könnte? Irgendwie ist das unheimlich.
Auf ein Foto zu meinem sonst schon spärlichen Profil habe ich bisher verzichtet. Das Foto, welches ich mir und meinen zwei spärlichen Online-Freunden, neben bei auch denen die es werden wollen, zumuten kann, gibt es nicht. Soll ich eher bescheiden und klassisch erscheinen oder doch lieber lustig und locker? Schliesslich, soviel weiss ich mittlerweile, sehen potenzielle Freunde, was für Freunde man bereits hat. Und, sind wir ehrlich, wer will schon einen Freund, der bereits seltsam aussehende Freunde hat?! Fotos von meiner Wenigkeit stressen mich total. Kennen Sie Ihre Schokoladenseite? Ich glaube inzwischen, ich habe gar keine.
Dass ich auf Facebook zwei Freunde habe ist ein Witz. Jeder Assi hat auf Facebook so viele Freunde, er könnte 200x im Jahr umziehen und hätte jedes mal ein anderes, aus Facebook rekrutiertes Umzugsteam. Soll ich nun andere um ihre Freundschaft bitten? Und was, wenn die nicht wollen? Wie peinlich ist DAS DENN?!
Ein weiterer Stressfaktor ist der Informationsfluss mit welchem mich Facebook zutextet. Es gibt Neuigkeiten, Nachrichten und Veranstaltungen. Von meinen Freunden sehe ich wiederum ihre Freunde, von denen dann die ihrigen usw. usv. Und jeder zweite von denen ist unterwegs, macht und tut, mit Link und Gruppe, und und ... ach herjeee .... ich kapier’s einfach nicht.
Schon wieder erreicht mich eine Einladung zur Freundschaft. Diesmal von .... ? Von meiner Tochter! Ich klicke mich quer durch ihr Profil, erfahre Dinge von denen ich – in dieser Deutlichkeit – noch nichts gewusst habe und wundere mich doch sehr. Total spannend, mal etwas mehr als «Ok. Gut. und Weiss nicht» zu erfahren. 328 Freunde hat dieser Fratz, 326 mehr als ich. Na warte!
Ich erkenne jetzt, dass das kluge Facebook via meiner Emailadressen, sich allerhand nette Freunde für mich ausdenkt. Schlau gemacht! Warum nicht mit meiner fernen Bekannten via Facebook in Kontakt bleiben? Bei der Gelegenheit sehe ich noch ihre Urlaubsfoto und lerne ihren Mann in Badehose kennen. Sowas hätte ich der braven Hilde gar nicht zugetraut, der Typen sieht in Badehose richtig gut aus. Nebenbei lerne ich noch den Pfadileiter meiner Tochter kennen, auch ein Freund von ihr. Und wenn er will, übrigens bald auch meiner. Fehlen nur noch 325 zum Ausgleich!
 
Herzlich
Ihre Stella van Bergen